Beobachtungsbericht vom 12. August 2023

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Alrukaba
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Beobachtungsbericht vom 12. August 2023

Beitrag von Alrukaba »

Nachtrag vom Sommer!

Gewidmet meinem Bruder Sigi, der am 13. August verstorben ist!

Böse Zungen behaupten, es wäre eine gute Idee von mir gewesen, diesen Abend als zusätzlichen Beobachtungsabend auf unserer Astrostation einzuschieben.
Ich hab, irgendwann Ende Juni, in meinen astronomischen Jahrbuch das Monatsthema vom Monat Juli, über die Perseiden gelesen und nachgeschaut, was dies für ein Wochentag sei, der 12. August und wie der Mond steht, in der Nacht auf den 13. August, an dem das Maximum zu erwarten war. Ich stellte fest, es war ein Samstag und ein paar Tage vor Neumond, also beste Bedingungen.
Natürlich hab ich gleich meine Astrokollegen über meine Idee informiert und das Echo war positiv. Also wurde der Termin auf unserer Homepage bekannt gegeben und es sollte ein Auflauf werden.
Walter und Gerald meinten, wir sollten den Abend bei Erika im Almhaus starten. Also, nicht nur bei ihr treffen und dann mit unseren Gästen rüber zur Astrostation, sondern die Beobachtung der Perseiden dort, im Freien, auf den Wiesen, den Tischen und Bänken abzuhalten. Okay, warum nicht!
Gerald hatte ein Konzept ausgetüftelt, dass daraus bestand, erst mal bei Erika gemütlich was zu essen, Kaffee und Kuchen zu genießen und anschließend unsere Gäste inmitten des Sternschnuppenstroms zu entführen.
Kurz nach halb Sechs am Abend war ich, in Begleitung von Theresa, auf der Alm. Gerald und Walter waren schon da. Ich stellte mein Teleskop auf den Platz und nahm erst mal die Sonne ins Visier. Im westlichen Teil unseres Zentralgestirns war ganz schön was los. Eine größere Gruppe ziemlich genau in Westen, ein einzelner kleiner Fleck in Richtung Meridian und ein Großer Fleck in Südwesten. Schon eine Weile her, daß ich einen Blick auf das Tagesgestirn geworfen hatte. Ich machte eine kurze Skizze und schon war ein Imbiss bei Erika im Gespräch.
Beim Almhaus stärkten wir uns mit einer Jause und gönnten uns Kaffee und Kuchen. In der Zwischenzeit waren auch Sepp und Roman zu uns gestoßen und auch einige Gäste fragten, wann es denn losgehe.
Geplant war, eine Perseidenzählung von 22 bis 23 Uhr. Dazu sollten sich unsere Gäste auf die Tische, Bänke oder einfach auf den Boden legen und nach Ende ihrer Beobachtung, die Anzahl ihrer beobachteten Perseiden bekannt geben. Aber, bis es soweit war, sollte es noch dauern.
Da kamen Gerald und ich ins Spiel. Wir sollten unsere Gäste, die letzte Stunde bis zur Zählung etwas unterhalten, indem wir alles erzählten,was es über die Perseiden zu berichten gab. Aber nicht nur das. Während ich den Teil über die Perseiden übernahm, warum sie auch Laurentius Tränen genannt werden und wer der Verursacher für den jährlichen Schauer ist, erzählte Gerald alles über die 5 Werkzeuge des Himmels, nämlich Kalender, Uhr, Kompass, Bilderbuch und die Wahrsagerei, also der Astrologie, welche man in der Steinzeit schon kannte. Den Kompass übernahm ich, alles andere überließ ich Gerald.Gott sei Dank hat uns jemand aus dem Almhaus ein Mikrofon und Lautsprecher zur Verfügung gestellt, sonst hätten Gerald und ich sehr laut reden müssen und wären nach dieser Stunde heiser gewesen.
Eine Braut und ihre Jungfer, welche hier ihren Polterabend feierten, mußten als Erde und Sonne herhalten, als Gerald die vier Jahreszeiten erklärte und natürlich kamen auch seine, bereits legendären Nußschnecken als Milchstraßenmodell, wieder in Einsatz.
Natürlich gaben wir auch andere Geschichten zum Besten, zum Beispiel, ich eine über die Parallaxe und Gerald eine über Bootes, den Ochsentreiber der Antike, den er den Griechen zuordnete; „Moment! Entschuldige, dass i do in Farkas Manier widasprechn muaß“; fiel ich beiläufig ein; „owa de Römer haum de Gschicht mit Ochsen und Treiber erzöht, net de Griechn!“
„Und wieda moi hot ea mi dawischt und sauba blamiert!“; meinte Gerald zerknirscht aber lachend. Ea is des von mia schon gwohnt, owa umgekehrt genauso!
Zur Aufklärung. Die Römer sahen im Bootes einen Ochsentreiber, der die sieben Ochsen, dargestellt durch die die sieben Sterne des Großen Wagen, um den Göpel, also dem Polarstern, treibt, um das Korn zu mahlen.
Zurück zu den Perseiden. Verursacht werden sie durch kleine Partikel, die der Komet 109P/Swift-Tuttle während seines Umlauf um die Sonne verliert. Swift-Tuttle ist ein kurzperiodischer Komet und kehrt alle, gut 133 Jahre, wieder. Das letzte Mal hatte er im Dezember 1992 sein Perihel und alle Jahre, von Mitte Juli bis Ende August, kreuzt unsere Erde seine Bahn und jedes verlorene Partikelteil sorgt für eine oft helle Leuchtspur am Himmel. Leider geht Perseus, der Namensgeber für den Schauer, um diese Zeit aber erst gegen 22 Uhr auf. Am besten sind sie ohnehin erst von Mitternacht bis Sonnenaufgang zu beobachten, wobei sich die Erde für uns langsam immer mehr in die Partikelbahn reindreht.
Und warum Laurentiustränen. Nun, Laurentius war ein römischer Diakon, der im 3. Jhdt. nach Christus lebte. Er war für die Verwaltung des örtlichen Kirchenvermögens zuständig. Nachdem Kaiser Valerian, Papst Sixtus II enthaupten ließ, der die Herausgabe des Kirchenvermögens verweigerte, wurde Laurentius aufgefordert, den Kirchenschatz, nachdem man ihn ausgepeitscht hatte, innerhalb von drei Tagen herauszugeben. Dieser verteilte den Schatz jedoch unter den ärmsten Mitgliedern der Gemeinde.
Daraufhin ließ Kaiser Valerian - Laurentius, am 10 August 258 n. Chr., durch einen Hauptmann erst foltern und schließlich auf einem glühenden Eisenrost hinrichten. Dennoch soll Laurentius seinen Humor nicht verloren haben. Nach einer Legende soll er seinen Peiniger aufgefordert haben, ihn zu wenden - er sei auf einer Seite schon gar.
Am Abend des Tages gab es einen Schauer von Meteoren, sodaß das Volk meinte: „Sehet, das sind die Tränen des Laurentius!“ Den Rost erhielt der Märtyrer später als Attribut.
Und diese Tränen zu zählen, dazu wurden unsere Gäste nun aufgefordert. Von 22 bis 23 Uhr war es, quasi mucksmäuschenstill auf der Alm, naja fast. Das eine oder andere – „ohhh! - aahh!“; oder „schon wida ane!“; - wurde schon gehört. Schließlich kamen wir auf 43 gezählte Meteore, darunter auch einige helle.
Fragt nicht wie, aber irgendwie haben Walter und Gerald, aus all den genannten Sichtungen, einen Durchschnitt errechnet und der lag bei eben 43 Meteore in dieser Stunde.
Nun ging es auf der Astrostation weiter. Durch insgesamt 4 Teleskope zeigten wir unseren Gästen den sommerlichen Sternenhimmel. Ich holte erst mal Saturn ins Teleskop. Der stand im Wassermann, doch leider konnte ich, trotz gutem Seeing, nur Titan rechts und Rhea links von ihm erkennen.
Tja, das Seeing bekommt diesmal eine glatte 1 Minus. Dabei war kaum eine Brise zu spüren und das bei angenehmen 17°. Die Grenzgröße lag, laut Sepp, direkt bei 6,5 mag, indirekt sogar noch höher. Immerhin konnte Sepp, neben M31, auch M33 und M13 mit freiem Auge erkennen. Naja, M33, der Dreiecksnebel ging bei mir auch noch, aber den Kugelhaufen konnte ich mit freiem Auge nicht ausmachen. Ja und M31, die Andromedagalaxie, kann schließlich jeder, selbst mit freiem Auge, entdecken.
M13, der Kugelsternhaufen im Herkules, wurde schließlich in fast jedem Teleskop gezeigt. Während er bei mir zwar gut zu sehen, aber nur die Außenbezirke aufgelöst wurden, konnte man im Vereins Dobson einzelne Sterne bis ins Zentrum erkennen.
M57, der Ringnebel ging auch noch durch fast jedes Teleskop und wieder gab es einen deutlichen Unterschied zwischen der Abbildung durch mein Teleskop und dem Vereins Dobson.
Nachdem sich die Besucherzahl etwas gelichtet hatte, startete ich einen Spaziergang durch die Milchstraße. Von Süden her nahm ich erst mal M8, den Lagunen Nebel, im Schützen, ins Visier. Danach hüpfte ich weiter zu M20, den Trifid Nebel und zu M21, einen offenen Sternhaufen, nördlich des Duos. Dabei wechselte ich immer wieder zwischen meinem 8mm und meinem 38mm Okular. Während ich mit dem 8mm Okular jedes Objekt schön einzeln betrachten konnte, passten in das 38mm Okular alle Drei. Naja, mit kleinen Abschnitten.
M22, ein Kugelhaufen im nördlichen Teil des Schützen und M25, welcher mit einer geschwungenen Sternenkette über dem Sternhaufen das Asterismus von Kleopatras Auge bildet waren die nächsten.
Zwischendurch spechtelte ich natürlich auch durch die anderen Teleskope, die am Platz aufgestellt waren. M17, der Omega Nebel, gerade noch im Schützen und M16, der Adler Nebel im Schwanz der Schlange, waren, neben Objekten, die ich selber nicht im Teleskop hatte, nur zwei davon.
M11, der Wildentenhaufen am Rande der Schildwolke, war das nächste Objekt, dass ich mir vom Himmel holte. Auch da war, die ganze Pracht der Wolke, mit dem kleinen kompakten Sternhaufen am schönsten im 38mm Okular zu betrachten.
Noch etwas weiter nach Norden ging es mit M27, dem Hantelnebel und Cr399, dem Kleiderbügel, beide im Füchschen. Während ich den planetarischen Nebel etwas stärker vergrößerte, zeigte sich der Kleiderbügel auch im Übersichtsokular am Besten.
Mit M33, dem Dreiecksnebel im Dreieck, NGC404, Mirachs Geist in der Andromeda und h/chi, dem Doppelsternhaufen im Perseus, beendete ich, kurz nach 1 Uhr meine Beobachtung. Reichte für den Doppelhaufen das 38mm Okular und für M33 gut 90 fache Vergrößerung, so mußte ich für die Galaxie, knapp bei Mirach, schon das 8mm Okular hernehmen.
Während ich zusammenpackte, holten Roman und Walter noch ein paar Bier, aus dem Kühlschrank beim Almhaus. Diesmal mußten wir ja nicht nach Hause fahren, sondern übernachteten in Neustift. Leider war ich, für ein Bett bei Erika, zu spät dran.
Am Sonntag stand nämlich noch eine Oldtimerauffahrt vom Zapfwerk in Neubruck auf´s Hochbärneck auf dem Programm. Über 400 Traktoren, Motorräder und Autos fuhren, am Vormittag, auf die Alm auf und nahmen auf den umliegenden Wiesen Aufstellung.
Nach dem Mittagessen verabschiedeten wir uns und fuhren nach Hause.
Nach anfänglicher Skepsis meinerseits, hätte es für die Beobachtung der Perseiden keinen besseren Ort geben können, als auf den Tischen, Bänken und Wiesen beim Almhaus und, nach erfolgreicher Premiere, haben wir beschloßen, nun jedes Jahr einen solchen Perseidenabend abzuhalten.

Noch am selben Tag waren wir mit den Sautners in Alt Nagelberg verabredet. Brigitte wollte, daß ich ihrer buckligen Verwandtschaft aus Wien und Salzburg den Sternenhimmel zeige.
Von halb 10 bis Mitternacht zeigte ich ihnen die Doppelsterne Albireo und 61 Cygni im Schwan, die Mehrfachsysteme Mizar-Alkor im Großen Bären und Epsilon Lyra in der Leier, sowie und den Polarstern. Weiters Saturn, M31, die Andromedagalaxie, den Doppelhaufen h/chi im Perseus, M27, den Hantelnebel im Füchschen und den Kugelhaufen M13 im Herkules.
Dazwischen gab es einen Imbiss, Kaffee und jede Menge Perseiden, wo bei jeden Brigitte ein lautes Ahh oder Ohh hören ließ, daß sicher jedes Mal durch halb Nagelberg zu hören war. Mir kam vor, als ob wir an diesen Abend mehr Perseiden zu Gesicht bekamen und auch mehr helle, als am Abend davor.
Nach einem letzten Bierchen packten wir zusammen und fuhren nach Hause.

Am Montag Vormittag erfuhr ich, daß mein Bruder seit Sonntag Mittag vermißt wird.


Das fix montierte Vereinsteleskop in der Osthütte, ein Meade Ed Apo mit 127mm Öffnung und 920mm Brennweite, war die meiste Zeit auf Saturn gerichtet.

Der Vereins Dobson, 355/1600, wurde vor allem von Roman herumgeschubbst.

Gerald hatte seinen Dobson mit 20mm Öffnung und 1200mm Brennweite aufgestellt.

Sepp fotografierte mit einem kleineren Teleskop und betreute das Vereinsteleskop in der Osthütte, abwechselnd mit Walter.

Ich beobachtete, an beiden Abenden, mit meinem Bresser Refraktor mit 127mm und 1200mm Brennweite und meinem Nikon 10x50 Feldstecher.
http://www.astrostation.at

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Josef
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Re: Beobachtungsbericht vom 12. August 2023

Beitrag von Josef »

Hallo Alex, mein Beileid nachträglich zu Deinem Bruder und Danke für den tollen Bericht!
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Alrukaba
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Re: Beobachtungsbericht vom 12. August 2023

Beitrag von Alrukaba »

Danke Sepp und bitte gern!

Alex
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