Projekt TBG - Tief belichtete Galaxien

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markusblauensteiner
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Projekt TBG - Tief belichtete Galaxien

Beitrag von markusblauensteiner » 07.11.2015, 22:13

Hallo alle zusammen!

Aus gegebenem Anlass möchte ich hier im Forum das Projekt TBG ein Mal vorstellen. Wer am Gahberger Workshop war, weiß, um was es geht, aber das waren ja nicht alle... :D :D

"TBG" steht für "tief belichtete Galaxien" und ist ein Projekt innerhalb der Fachgruppe Astrofotografie der VdS rund um Peter Riepe.
Die ursprüngliche Zielsetzung war der Nachweis von Sternströmen - also den Überresten von Zwerggalaxien rund um eine Hauptgalaxie, die sich in Bögen und Schweifen zeigen, z.B bei Ngc 5907 ("Gezeitenschweife" wären dann das Ergebnis von Wechselwirkungen zweier größerer Galaxien, z.B die "Antennengalaxien").
Nun ist es für uns Amateure nicht damit getan, etwas zu fotografieren und etwas "neues" zu finden, sondern man braucht auch einen professionellen "Abnehmer", also einen Astronomen, der sich mit dieser Materie beschäftigt und mit den Daten was anfangen kann. Nämlich nur der kann Auswertungen vornehmen, die für Publikationen nötig sind.

Die Gruppe hat den Astronomen in der Person von Prof. Dr. Igor D. Karachentsev gefunden - dessen Gebiet sind allerdings nicht Sternströme, sondern "dwarf galaxies", also kleine Zwerggalaxien, die einer großen Galaxie zugehörig sind.
Daher haben wir uns darauf verlegt, solche dwarfs zu finden.

Die Gruppe besteht aktuell aus 32 Personen + Prof. Karachentsev. Es gibt neben dem Fotografieren der Galaxien noch eine Menge weiterer Arbeiten, sodass ganz schön Beschäftigung zusammenkommt.
So müssen potentiell interessante Objekte erst mal im Bild gefunden und markiert werden. Diese werden dann mit der aktuell tiefsten Himmelsdurchmusterung, dem SDSS-DR10 abgeglichen. Wirklich interessant wird es, wenn wir tiefer kommen als der SDSS...
Kandidaten für neue dwarfs werden dann flächenfotometriert, also die Helligkeit gemessen (ähnlich der Fotometrie von Sternen, z.B um Veränderliche zu vermessen). Daraus und aus der Größe am Bild können weitere Schlüsse gezogen werden.

Erscheint ein Objekt letztlich wirklich eine neue "dwarf galaxy" zu sein, so kommt verstärkt Prof. Karachentsev ins Spiel, der mit einem 6m Teleskop die Objekte nachbeobachtet und auch spektroskopiert.

Neu gefundene Zwerggalaxien bewegen sich helligkeitsmäßig etwa im Bereich um 26 - 28 mag/sec². Daher haben sie einen klingenden Namen:
Low Surface Brightness Dwarf Galaxies

Aktuell ist nun die zweite Publikation im Astrophysical Bulletin erschienen. In der ersten Publikation ging es um neue Zwerggalaxien rund um Ngc 4631 (Link), in der zweiten sind nun eine ganze Reihe an Galaxien "betroffen" (Link).

Ich bin schon gespannt, wie es weitergeht...

LG, Markus
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tommy_nawratil
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Re: Projekt TBG - Tief belichtete Galaxien

Beitrag von tommy_nawratil » 10.11.2015, 00:56

hallo Markus,

faszinierend wenn sich eine ganze Gruppe von unabhängigen Beobachtern/Fotografen zusammentut und
dann mit professionellen Astronomen eine Basis für fruchtbringende Kooperation findet.
Das sind Projekte an der grenze des Machbaren, und besondere Herausforderungen an Arbeitsweise, Geduld und Teamfähigkeit.
Super dass du dabei bist, und an vorderer Front!

Die Folgebeobachtungen finden dann am BTA in Russland statt? 6m klingt so verdächtig :mrgreen:

lg Tommy
Physik ist die Poesie der Natur..
arbeite fröhlich mit bei https://teleskop-austria.at

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Re: Projekt TBG - Tief belichtete Galaxien

Beitrag von TONI_B » 10.11.2015, 05:33

Ganz toll!!!

Schön zu sehen, dass es eine funktionierende Zusammenarbeit zwischen "Amateuren" und Profis gibt. Ich finde es bemerkenswert, dass er euch auch als Co-Autoren genannt hat: oftmals werden die "Zuarbeiter" ja nur in den acknowledgements genannt.
lG
TONI


TS 12"RC; Skywatcher ED120, Esprit 100, Lacerta ED72, EQ8, EQ3, SA; Sony A77II, Sony A700(mod), Sony A7(mod), Sony Nex5(mod), Sony A7r(mod), SonyA7s(mod), ASI174MM, ASI120MM, ASI120MM-S, ASI185MC, ASI071C-cool

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Re: Projekt TBG - Tief belichtete Galaxien

Beitrag von Rev.Antun » 10.11.2015, 15:51

tolle sache und sehr beeindruckend !
lg Toni
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Seit die Mathematiker über die Relativitätstheorie hergefallen sind, verstehe ich sie selbst nicht mehr.

Wer Rechtschreibfehler findet darf sie behalten :)

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Re: Projekt TBG - Tief belichtete Galaxien

Beitrag von markusblauensteiner » 11.11.2015, 18:53

Hallo Tommy,

ja, das müsste die 6m Scherbe im Kaukasus sein!
Die Zusammenarbeit läuft sehr gut!

LG, Markus
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Josef
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Re: Projekt TBG - Tief belichtete Galaxien

Beitrag von Josef » 11.11.2015, 20:43

Tolle Sache Markus!

Jetzt werde ich alt glaube ich, wie bringt Ihr die verschiedenen Brennweiten zusammen
oder gibt es da einen Trick? Das selbe Problem müsste ja auch bei den Dualsystemen sein, habe es nie richtig
zur Deckung gebracht wenn ich die Bildgröße geändert habe bei Aufnahmen mit verschiedenen Teleskopen.
Hoffe da braucht man nicht schon wieder PI, bin nämlich immer noch irgendwo dort, wo mich Dieter
damals hingebracht hat, mit der Selbstverbesserung und Lernkurve hapert`s bei mir heute noch! :|

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markusblauensteiner
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Re: Projekt TBG - Tief belichtete Galaxien

Beitrag von markusblauensteiner » 11.11.2015, 21:18

Hallo Josef!

keine Hexerei, kein PI. Ich mache das mit CCD Stack, Günter mit AstroArt.

Die unterschiedlichen Brennweiten sind nicht weiter ein Problem - es ergibt sich ja nur eine andere Auflösung. Das unterschiedlich große Bildfeld spielt keine Rolle.
Und ein Unterschied bei der Auflösung ist ja letztlich so ähnlich, als würde man mit Binning arbeiten - was das zusammenrechnen angeht.
Es wird einfach das schlechter aufglöste Bild (bei uns RGB) auf das besser aufgelöste skaliert. Dadurch werden die Sterne etwas größer, was aber nichts ausmacht.
CCD Stack macht das mit genau einem Knopfdruck.

Das betrifft jetzt mal RGB und L.
Problematischer dürfte es vielleicht werden, wenn unterschiedliche Teleskope unterschiedliche Bildfeldwölbungen aufweisen...

Um unsere 2 Hauptinstrumente zusammenzubringen, läufts ganz ähnlich. Es täuscht ein wenig: wir haben annähernd die selbe Auflösung! Günter hat etwas kleinere Pixel, dafür weniger Brennweite, ich habe die größeren Pixel und etwas mehr Brennweite. Dadurch ergibt sich bei uns etwa 1.5x "/ Pixel Auflösung, zufällig tatsächlich fast gleich.
Daher ist das zusammenrechnen fast so, als wäre alles mit 1 Instrument aufgenommen worden.

Aufwändiger war es da, die Spikes zur Deckung zu bringen: mittlerweile hat auch Günter senkrechte Spikes, somit müssen die Spikes von 4 Teleskopen deckungsgleich sein.
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Re: Projekt TBG - Tief belichtete Galaxien

Beitrag von Josef » 12.11.2015, 19:50

Hallo Markus!

Herzlichen Dank für Deine ausführliche Antwort.
Also eine in etwa gleiche Auflösung pro Pixel ist nicht von Nachteil,
und das mit den Programmen werde ich mir mal ansehen.

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Re: Projekt TBG - Tief belichtete Galaxien

Beitrag von markusblauensteiner » 13.11.2015, 10:22

Hallo Josef!

Das mit der Auflösung kommt auf das Vorhaben an. Ähnlich ist aber sicher kein Fehler.
Möchtest du z.B. die L-Aufnahmen zweier Teleskope kombinieren, so solltest du das SCHLECHTER aufgelöste Bild als Referenz nehmen.
Möchtest du RGB-Aufnahmen (oder Aufnahmen aus einer OSC) eines Teleskops mit L-Aufnahmen eines anderen Teleskops kombinieren, so können die RGB durchaus schlechter aufgelöst sein und auf L "aufgeblasen" werden. Nicht optimal, aber es geht ganz gut.

Welches Programm benutzt du?

LG, Markus
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Re: Projekt TBG - Tief belichtete Galaxien

Beitrag von Josef » 13.11.2015, 20:09

Hallo Markus!

Habe nur DSS, Fitswork und CS3, baue gerade mein Setup um und möchte dann meine
beiden OSC im Gleichklang laufen lassen um die Belichtungszeit zu verdoppeln.

Eine Sbig ST-8300c mit einer Atik 314LC+ so in Verwendung das annähernd das gleiche
Gesichtsfeld dabei raus kommt. Mal sehen, heute sind die Tuben gekommen!

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Re: Projekt TBG - Tief belichtete Galaxien

Beitrag von markusblauensteiner » 15.11.2015, 15:30

Hallo Josef,

hm. Da die SBIG einen deutlich größeren Chip hat, brauchst du da für ein annähern gleiches Feld deutlich mehr Brennweite. In Verbindung mit den kleineren Pixeln führt das zu einer besseren Auflösung. Das könnte eventuell zu Problemen führen, bin gespannt, ob du zu einer guten Lösung kommst.

Im Telefonat mit einem Freund ist die Tage das Programm "Registar" gefallen - das könnte beim Ausrichten auch gute Dienste leisten!

LG, Markus
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